Geschichtsforum 09 und ein eigensinniger Blick auf eine schwierige Geschichte
Es ist soweit:
die Veranstaltung „60 Jahre Deutschland - Vom Schmalfilm bis zum Web 2.0" steht vor ihrer Realisierung. Was erst eine fixe Idee war, scheint nun ein reales Gespräch zu werden.
Hier ein offizieller Text dazu:
Die Arbeit der nicht-kommerziellen Filmszene erzählt abseits üblicher medialer Darstellungen eine
Geschichte der beiden deutschen Republiken, die wir zusammen mit Ihnen vom
30. bis 31. Mai 2009
im Rahmen des Geschichtsforum 09 in Berlin
anhand von Filmvorführungen, Referaten und Diskussionsrunden erarbeiten werden. Gesellschaftliche und technologische Entwicklungen finden gerade in der Form des oft belächelten Amateurfilmes eine teilweise erstaunlich präzise Ausdrucksform. Amateurfilme sind Momentaufnahmen, die erst aus der historischen Distanz Zusammenhänge eröffnen, die zuvor wie in einem toten Winkel verborgen waren. Daher ist gerade mit einer historischen Fragestellung die Auseinandersetzung mit dem Amateurfilm von Interesse - und dies
nicht nur für Medienpädagogen.
Ziel dieser Veranstaltung ist neben der Analyse der Vergangenheit des nicht-kommerziellen Films vor allem das gemeinsame Gespräch. Mit Ihnen wollen wir auf der Veranstaltung die vergangenen und aktuellen Entwicklungen sowie plausible Perspektiven für die Zukunft erörtern.
Folgende Referenten werden wir im Rahmen des Symposiums begrüßen dürfen:
Dr. phil. Alexandra Schneider
Wissenschaftliche Assistentin im Bereich Filmwissenschaft am Institut für Theaterwissenschaft der FU Berlin
Karsten Weber
Mitglied der Filmgruppe Chaos, Kiel
Michael Lange
Diplom-Sozialpädagoge, Berlin
Matthias Spehr
Institut für neue Medien, Rostock
Das Tagungsprogramm sowie einen Umriss der inhaltlichen Thesen finden Sie unter www.geschichtsforum09.de .
Der Besuch des Geschichtsforums ist kostenfrei.
Es geht um die etwas andere Filmgeschichte
Dieser Blog soll helfen, dass die Medienzentren, -werkstätten und Filmclubs ihre Geschichte skizzieren. Nicht als Hochglanzbroschüre, sondern mit der Vielzahl und Vielfalt ihrer Filmarbeiten.
Daher bitten wir, jede Interessierte und jeden Interessierten sowie die Medienwerkstätten prägnante Produktionen aus der nichtkommerziellen Filmszene für folgende Zeitabschnitte mit wenigen Zeilen zu beschreiben:
a) 1949 - 1967
b) 1968 - 1989
c) 1990 - 2001
d) 2001 - 2009
Bitte beschreibt die Filme mit Titel, Format, Dauer, Produktionsjahr, Autoren und Kurzinhalt.
Wichtig ist, was aus Eurer Sicht Filme bzw. Videos sind, die zum einen charakteristische Themen und zum anderen eine spezifische Ästhetik der jeweiligen Jahre erzählen.
Norbert Ahlers
Medienforum Heidelberg
Filmische Inszenierungen von Unten
Der Film war stets eine Ausdrucksform der Wohlhabenden – und daran hat sich bis heute nicht viel geändert, trotz aller technischen Innovationen.
Anders das Filmen selbst: schon in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckte das Kleinbürgertum diese Technik für sich, genauer gesagt: die Industrie entdeckte das Kleinbürgertum als Konsumenten, also als Markt für die neue Technik.
Es war aber in dieser Zeit vor allem eine Technik für Enthusiasten.
Die Jahrmärkte waren vielleicht weniger der Ursprung der Kinos, sondern lediglich der Ort, wo der Film erstmals seinen Marktwert bestätigt sah. Die ersten Bilder aber sind bekanntlich dokumentarischer Art, wenn man sie überhaupt klassifizieren kann. Eigentlich Gelegenheitsaufnahmen, fast zweckfrei: ein springender Mann, ein laufender Mann, ein fahrender Zug, Arbeiter, die die Fabrik durch das Werktor verlassen.
Mir scheint, dass das Filmen stets von diesem Doppelcharakter gekennzeichnet war – dem Erzählen mit den Bildern und dem Sammeln von Bildern.
Tatsächlich waren anfangs, also um 1900, der Film wie auch das Filmen eine moderne Ausdrucksform der Wohlhabenden. Schon um die Jahrhundertwende gab es zahlreiche Filmaufnahmen von Reisenden, die vor allem den Charakter von Sammlungen kolonialer Impressionen hatten. Diese bewegten Bilder hatten kein größeres Publikum, aber heute erzählen sie von einer längst vergangenen Welt. Ihr historischer Wert ist kaum zu schätzen.
Vor dem zweiten Weltkrieg gab es eine bemerkenswerte Amateurfilmszene. Eine Szene, die einerseits ambitionierte Filme produzierte, andererseits (mehrheitlich) sich auf private Motive konzentrierte.
Nach dem Krieg hatte die Schmalfilmszene ihren Höhepunkt, so auch in der BRD (in der DDR gab es eine spezifische organisierte Struktur). 1968 wurde dann der Super 8 Film, der Cassettenfilm auf den Markt gebracht, der die Schmalfilmszene auch weitgehend vereinheitlichte und das Filmen vereinfachte. Gleichzeitig – und das ist entscheidend: setzte sich das Fernsehen als Leitmedium mehr und mehr durch.
Waren zuvor der Kulturfilm oder auch der Spielfilm die ästhetischen Orientierungsformen, so wurde es nun mehr und mehr das Fernsehen. Und man wird schon damals über die Adaptionen geschmunzelt haben, wohl gelegentlich auch mit einem scheelen Blick.
Das Interessante ist, dass man schon Anfang der 80er Jahre begriff, dass der Schmalfilm als Format zu seinem Ende fand. Von einem Filmemacher wie Wim Wenders wurde z.B. in Paris, Texas (1984) der Super 8-Fim als Moment der Nostalgie inszeniert .
Und gerade hier interessiert mich das Genre des Schmalfilms. Der Film, der so viele Abende im Freundes- und Verwandtenkreis in gähnender Langweile implodieren ließ, der mit der Lust der Sorgfalt die Bilder montierte, die aber mit dem liebevollen Blick eines engstirnigen Horizonts die eigene beschränkte Lebenswirklichkeit dokumentieren; diese Filme beschrieben eine Idylle, die gerade durch das Format, d.h. den Farblook, die Bildeinstellung und die Bildgeschwindigkeit den Betrachter berühren konnten.
Es ist sicher kein Zufall, dass das Zerbröseln der bürgerlichen Familienidee mit dem Verschwinden dieses Formates einhergeht. Kaum ein Medium hat die kleinbürgerliche Idylle so zelebriert wie der Super 8 –Film. Es ist nicht ohne Ironie, dass der Amateurfilm so manchen geselligen Abend in Langeweile ersticken ließ, weil ihm jede Dramaturgie fehlte und seine Längen oft jede Lust am spontanen Wiedererkennen von gemeinsamen Momenten versickern ließ, weil man nur selten wusste, warum man da eigentlich gefilmt wurde.
Vielleicht ist es auch nur ein Missverständnis, aber es kommt einem so vor, als würde das Lebensgefühl der jüngeren Generation kaum mehr die Versprechen und Ideen der Älteren bzw. der Vergangenheit nachvollziehen.
Es geht nicht darum, sich in einen Kulturpessimismus zu ergehen, noch sollte man sich gedankenlos den aktuellen Entwicklungen anpassen, um irgendjemanden irgendwo so schnell wie möglich abzuholen.
Es ist notwendig, einerseits diese Entwicklung des Gebrauches von Bildern zu verstehen, andererseits aber auch auf ein spezifisches Bildverständnis zu insistieren.
Die Arbeit mit Bildern ist eine der Interpretationshegemonie. Wie schon anfangs gesagt: der Film ist eine Ausdrucksform der Wohlhabenden. Technik und Zeit sind die Voraussetzungen für das Gelingen der Sorgfalt, ein Vermögen, was sich in der Kombination nur wenige leisten können (selbstbestimmte Zeit, selbstbestimmte Freizeit sind Luxus).
Es ist notwendig, das Filmen vielmehr als Form des Sammelns und nicht so sehr des Erzählens wiederzuentdecken.
In der praktischen Arbeit der Medienpädhgogen heißt das: es gilt nicht eine spezifische Filmsprache zu vermitteln, sondern vielmehr das spezifische Interesse an eigene Belange entfalten zu helfen. Belange, die eben jenseits von Bushido und Bohlen zu entdecken sind. Es geht um die eigenen Wünsche, nicht um die verordneten Träume der Kulturindustrie. Und wenn es um die eigenen Wünsche geht, sollte man Sorgfalt pflegen. Dieser Reichtum steht jedem zur Verfügung, auch die Zeit und die Beharrlichkeit. Aber an sich selbst zu glauben, sich selbst zu vertrauen, ist eine Voraussetzung, die den meisten verwehrt wird. Anerkennung ist rar und die Sehnsucht danach groß. Beim Film oder dem Video geht es nicht um Ruhm, sondern es geht um das Entdecken und Beschreiben der eigenen Geschichten. Diese filmischen Geschichten sind immer auch die Optionen, der eigenen Geschichte eine bessere Alternative gegenüber zu stellen.
Heidelberg
Norbert Ahlers




