Es war der 21. Dezember 1985. An diesem Tage, so glaubten wir, würde das Wetter halten. Mit drei Boys, die nicht aus dieser Gegend stammten und denen ich gute Bezahlung versprochen hatte, begann ich eines frühen
Morgens den schwierigen Aufstieg. Rutschend und stolpernd ging es den nassen und schlüpfrigen Pfad aufwärts. Je höher wir kamen, um so seltsamer war die Pflanzenwelt: Eigenartig geformte Farnkräuter recken ihre verästelten Wedel in die Höhe. Palmartige, dornige Pflanzen lassen ein Anfassen nicht zu. Blutrote Blüten, weithin leuchtend, werden den Insekten, die sie anfliegen, zum Verhängnis. Sobald eines dieser kleinen herrlichen Tiere die Blüten berührt, schließen sich über ihm die Blütenblätter der fleischfressenden Pflanze. Ein Eldorado für Botaniker wäre dieses Gebiet. Schlangen, von denen man nie weiß, ob sie giftig oder harmlos sind, überqueren den Pfad. Man lernt in diesem Land, wachsam zu sein, denn schon das Berühren eines Steines oder Strauches mit der bloßen Hand kann übel mitspielen. Die kleinsten Verletzungen verursachen Tropengeschwüre, deren Heilung sich über Monate hinzieht.
Am Vormittag, gegen 11 Uhr, erreichten wir den Kamm des Bergrückens. 2000 Meter hoch, ließ der Blick über Höhen und Täler dieses undurchdringlichen Urwaldes allzu leicht vergessen, welche Gefahren dort lauerten. Welche Tragödien mögen sich in diesen schweigsamen Wäldern, in denen sich nur der Starke behaupten kann, unter Menschen und Tieren abgespielt haben und noch immer abspielen? Auf der anderen Seite des Kamms mussten wir etwa 60 Meter tief eine steile Wand hinunter, dann tasteten wir uns auf einem schmalen Felsband waagerecht in der Wand vorwärts. Zwei Boys schlugen mit Haumessern einen Pfad in das dichte Gestrüpp. Sie blieben stehen, es ging nicht mehr weiter. Durch ständigen Regen und Steinschlag war der Fels abgerutscht. Die Stelle war scheinbar nicht zu umgehen. Schließlich versuchten wir, etwa zehn Meter weiter unten auf einem schmalen Band vorbeizukommen. Langsam hatten zwei Boys und mein Freund diesen gefährlichen Murbruch überwunden. Nun war die Reihe an mir: Ich übergab dem mir folgenden Boy die Tasche mit den Kameras. Mein Gewicht an den Fels verlagernd, fasste ich mit der rechten Hand eine Wurzel. Vorher hatte sie gehalten, jetzt gab sie plötzlich nach, und ich stürzte, mich überschlagend, ab. Etwa sieben Meter darunter blieb ich an einem Strauch hängen. Ihm verdanke ich wohl mein Leben, denn den Aufschlag nach einem Sturz in den etwa 30 Meter tiefen Abgrund hätte ich kaum überstanden. Als meine Freunde mich erreichten, lag ich benommen da; sicher war ich einige Zeit bewußtlos gewesen. Sie hatten schon das Schlimmste befürchtet und halfen mir, so gut es ging, auf die Beine. Wir werden aufgeben müssen, meinten sie. Obwohl mich wilder Schmerz peinigte,gab ich zur Antwort: „So kurz vor dem Ziel? Niemals!" Von den Boys gestützt, schleppte ich mich schräg in der Wand etwa 40 Meter aufwärts. Torkelnd erreichte ich endlich zusammen mit meinen Begleitern eine Felsplatte.
Nachdem wir eine Schlechtwetterfront durchstoßen hatten, waren wir an unserem Ziel sicher gelandet, und ich wurde von meinem Missionsfreund und seiner Familie herzlich begrüßt. Auch der junge Regierungsbeamte war anwesend, zusammen mit seinen sechs Papuapolizisten. Sie wohnten jeder Landung und jedem Start eines Flugzeuges bei. Hier, unmittelbar im Missionsgebiet, sah ich die ersten Aseki. Sie machten keinen schlechten Eindruck. Staunend umlagerten sie die riesigen Vögel, die in Pidgin-Englisch Ballus genannt werden. Inmitten der herumstehenden und -hockenden Eingeborenen fühlte man sich in die Steinzeit zurückversetzt. Die aus den Bergen herabgestiegenen Aseki tragen einen aus Bast geknüpften Lendenschurz und einen Mantel aus Baumrinde, der sie gegen Kälte, Regen und Sonne schützt. Ihr einziger Schmuck sind aus gelben Orchideen-stengeln geknüpfte Schnüre, die schräg über der Schulter hängen. Als wilde und kampflustige Krieger wurden sie früher von den Nachbarstämmen gefürchtet. Waren Aseki im Anzug, flüchtete alles und verbarg sich in den tiefen Wäldern. Erst wenn die plündernde Horde mit ihrer Beute an Menschen und Schweinen wieder abgezogen war, wagte man sich zurück in die zerstörten Dörfer. Mit Vorliebe jagten die Aseki die Hamatus-Albinos, Menschen mit heller Hautfarbe und rötlichen Haaren. Sie wurden im Kampf grundsätzlich getötet, denn ihr Fleisch gab besondere Kraft und schmeckte vorzüglich. So wenigstens meinten die Aseki. Diese Zeit ist jedoch längst vorbei, und mein Besuch galt ihren geräucherten Toten, die hoch oben im Fels sitzen sollten und die ich fotografieren wollte. Es war eine einmalige Gelegenheit, Dokumente von diesen geheim gehaltenen Bräuchen nach Hause zu bringen.
Die Aseki wohnen in den Kukukuku-Ranges. Man erzählt, dass sie ihre Toten räuchern und später in einer Felswand aufstellen. Während meiner einjährigen Neuguinea-Expedition, die mich durch viele Teile des von den Australiern verwalteten Landes führte, hörte ich davon. Ich wollte diese Menschen und ihre Toten unter allen Umständen kennen lernen. Das war aber keineswegs einfach, denn es gibt keine Straße nach Aseki. Bis man mit Trägern auf schmalen und gefährlichen Pfaden diesen Ort erreicht, würde es Wochen dauern.
Acht Monate hatte ich ganz allein das noch weitgehend unerforschte Land durchstreift, da war es soweit. An einem Dezembertag, früh am Morgen, saß ich in einem kleinen Flugzeug. Es brachte mich in einstündigem Flug von Lae, die Stadt liegt am Huongolf und zählt etwa 3000 Weiße und 20000 Eingeborene, nach Aseki, einem kleinen Ort mit einer Missions- und Regierungsstation. Der bescheidene Flugplatz dort, kaum mehr als eine große Wiese, kann nur morgens bis 10 Uhr angeflogen werden. Später verhängen Wolken und Nebelschleier die Sicht. Pünktlich setzt jeden Mittag ein Tropenregen ein, an Heftigkeit mit dem bei uns üblichen Regen nicht zu vergleichen. Von hohen Bergen umschlossen, kann man Aseki nur von Norden her anfliegen auf einer Schneise, die torartig die Bergkette durchsticht. Obwohl die australischen Flugzeugführer die gefährlichen An- und Abflüge zu diesen Plätzen im Hochland mit traumhafter Sicherheit meistern, dauert es bei schlechtem Wetter mehrere Tage, bis ein Pilot den Flug nach Aseki wagt.